Ultraschall in der Schwangerschaft
 
Aus fürs Bauchgefühl?

Der Ultraschall ist in der Schwangerschaft für werdende Mütter und ihre Ärzte nicht mehr wegzudenken. Aber muss Babyfernsehen wirklich bei jedem Termin sein? Hier lesen Sie zwei Meinungen zum Thema - welcher stimmen Sie zu?

Ultraschall in der Schwangerschaft: Tolles Baby-TV oder eher unnötig?

Ultraschall in der Schwangerschaft: Aus fürs Bauchgefühl?

Für viele werdende Mütter gehört der regelmäßige Ultraschall in der Schwangerschaft längst dazu - und zwar deutlich häufiger als die vorgeschriebenen drei Male während der Vorsorgeuntersuchungen. Der Gedanke, die kleine Stupsnase des Babys bereits vor der Geburt zu sehen, ist natürlich sehr verlockend. Außerdem weiß man nach dem Ultraschall, dass es dem Ungeborenen gut geht - oder?

Vor allem Hebammen sehen das häufige so genannte Schallen von Schwangeren jedoch eher kritisch. Ihrer Meinung nach tragen solche häufigen Untersuchungen im Gegenteil sogar eher zur Verunsicherung der werdenden Eltern bei.

Hier stellen wir zwei Meinungen zum Thema "Ultraschall in der Schwangerschaft" vor. Wir sind gespannt, welcher Sie eher zustimmen - posten Sie Ihre Meinung einfach in Form eines Kommentars!

Das spricht für den Ultraschall in der Schwangerschaft

Ultraschall hilft, früh eine Bindung zum Ungeborenen aufzubauen!

"Wovon reden Hebammen eigentlich, wenn sie das viel zitierte 'Bauchgefühl' beschwören? Ich sage es ganz ehrlich: Dieses "Bauchgefühl" gab es nie und wird es auch nie geben. Gerade zu Beginn einer Schwangerschaft haben Frauen für ihre Schwangerschaft keinerlei verlässliche Anhaltspunkte außer dem Ausbleiben der Regel. Bis zur 20. Woche spüren sie keine Kindsbewegungen, und die Mehrheit beschäftigt sich mit der ständigen Sorge "Lebt es noch?". Die Angst vor einer Fehlgeburt ist groß, und die Frauen sind erleichtert und überglücklich, wenn sie alle paar Wochen einen Monitor sehen, auf dem das Herzchen noch schlägt.

Noch vor 30 Jahren lebten werdende Eltern in einer großen Blase der Ungewissheit. Man wartete, und wartete, und wartete ... Bis man, wenn man Glück hatte, irgendwann die ersten Kindsbewegungen spürte.

Heute kann man die Frauen viel früher beruhigen, und das halte ich für eine wesentliche Errungenschaft der modernen Medizin. Das hat mit 'Babyfernsehen' erst mal gar nichts zu tun! Wenn man einer Schwangeren ihre größte Sorge nehmen kann, halte ich die Sonografie auch aus ärztlicher Sicht für durchaus gerechtfertigt.

Ich bin mir auch sicher, dass der Ultraschall dabei hilft, früh Kontakt zum Ungeborenen aufzubauen und damit eine feste Bindung schon während der Schwangerschaft zu fördern. Gerade für uns Männer ist es anfangs doch unvorstellbar, dass da im Bauch der Partnerin ein Kind, unser Kind, heranwächst. Frühestens in der 25. Woche spürt man die Kindsbewegungen von außen - da ist die Schwangerschaft schon fast wieder vorbei!

Mit einem Ultraschall wird dieses unbegreifliche Geschehen ganz real. Zunächst durch einen winzigen flimmernden Punkt, später durch gestochen scharfe 3-D-Aufnahmen, die das Baby ab der 28. Woche eigentlich schon so zeigen, wie es später auf die Welt kommen wird. Man kann erkennen, wie die Nase aussieht, der Mund, die Augen. Man beobachtet, wie es am Daumen nuckelt oder mit der Nabelschnur spielt. Da wird einem ganz warm ums Herz, und man begreift plötzlich: Hoppla, das ist ja ein richtiger Mensch!

Natürlich darf man bei all dem nicht vergessen, dass der Ultraschall ein medizinisches Diagnoseverfahren ist, das nicht als Baby-TV missbraucht werden darf. Wenn eine Schwangere ihr vierjähriges Kind mit zur Feindiagnostik bringt, weil es auch 'unbedingt mal das Geschwisterchen sehen will', merke auch ich, dass wir in eine Schieflage geraten sind. Schließlich besteht immer auch die Möglichkeit, dass wir schwere Fehlbildungen feststellen. Viele werdende Eltern machen sich das nicht bewusst genug. Und Geschwisterkinder haben bei dieser Untersuchung natürlich überhaupt nichts verloren!"

Privatdozent Dr. Kai-Sven Heling (43 Jahre) arbeitet als Gynäkologe in einer Gemeinschaftspraxis für Pränataldiagnostik in Berlin. Er verfügt über zahlreiche Qualifikationen im Bereich der Perinatalmedizin und der Ultraschalldiagnostik

Das spricht gegen den Ultraschall in der Schwangerschaft

Meist bringt der Ultraschall mehr Aufregung als Sicherheit!

"Der Ultraschall hat sich in der Schwangerenvorsorge zum echten Kommerz entwickelt. Kaum eine Schwangere kommt mit den drei Ultraschall-Untersuchungen, die der ärztliche Vorsorgekatalog vorschlägt, aus. Zehn Termine sind völlig normal. Deutsche Gynäkologen bieten das nur zu bereitwillig an, schließlich müssen sich die teuren Geräte, die sie in der Praxis haben, irgendwie amortisieren.

Schwangere sind da leichte Beute: Sie zahlen bereitwillig Pauschalen von 150 bis 200 Euro - nur um bei jedem Termin einen kurzen 3-D-Blick in ihren Bauch werfen zu können. Mit medizinisch notwendigen Untersuchungen hat das nichts mehr zu tun, es ist reines Babyfernsehen. Abgesehen davon, dass noch nicht geklärt ist, welchen Schaden die Schallenergie beim Ungeborenen anrichten kann, frage ich mich: Was macht das mit uns Frauen?

Es stimmt einfach nicht, dass eine Schwangere sich besser und sicherer fühlt, wenn sie häufig geschallt wird. Für den Moment ist sie vielleicht erleichtert ('Ein Glück, das Herzchen schlägt noch!'), aber dann kommen sofort wieder die Zweifel: 'Was hat der Arzt da gesagt? Das Baby ist zu klein? Es hat sich kaum bewegt? Es war ein Schatten am Kopf zu sehen?' ... Meist bringt der Blick in den Bauch mehr Unruhe und Aufregung als Sicherheit.

Letztlich führt die ganze Schallerei nur dazu, dass wir unser Bauchgefühl nicht entwickeln können. Die psychische Abhängigkeit von der ärztlichen Beurteilung, die Sorge, dass etwas sein könnte, die Unfähigkeit, guter Hoffnung zu sein - steckt eine Schwangerschaft so voller Vorbehalte, kann sich das unmöglich positiv auf die Bindung auswirken! Wie soll man denn einen guten inneren Kontakt zum Baby herstellen, wenn man nicht lernt, sich auf sich selbst und sein Gefühl zu verlassen?

Und noch eine weitere Dimension der Schwangerschaft geht durchs Babyfernsehen verloren: das Mystische, Magische, Spirituelle. Eine Schwangerschaft ist eine ganz besondere Zeit, und sie bekommt ihren Zauber nicht zuletzt dadurch, dass da ein kleiner Mensch im Verborgenen heranwächst, ganz intim, im Bauch der Mutter. Wie wird er sein? Wie wird er aussehen? Das unbekannte Wesen bietet jede Menge Raum für Fantasie und Projektion. Ein skurril, ja fast grotesk anmutendes 3-D-Bild vom Fötus lässt dafür keinerlei Spielraum mehr.

Ich rate jeder Schwangeren, sich von Anfang an eine Hebamme für die Vorsorge zu suchen. Die werdende Mutter wird feststellen: Ihre Schwangerschaft kann eine Zeit voller Vorfreude und guter Hoffnung sein - ganz ohne Babyfernsehen!"

Barbara Kosfeld (52 Jahre) hat Komparatistik studiert und wurde danach Hebamme. Seit 2007 hat sie ihre Praxis auf Borkum. Sie ist Expertin im Bereich "Traditionelle Hebammenkunst" und lehrt diese bei Tagungen und Fortbildungen