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Verändertes Gehirn Was Mama-sein mit uns macht

Verändertes Gehirn: eine schwangere Frau mit langen braunen Haaren sitzt vor einem Fenster
© BY-_-BY / Shutterstock
Kinderkriegen und Kinderhaben verändert – klar. Weniger klar: Es verändert auch das Gehirn. Und zwar genauso einschneidend und anhaltend wie in der Pubertät. EF-Autorin Nina Berendonk ließ sich das von der amerikanischen Wissenschaftsjournalistin Abigail Tucker genauer erklären.

Wer mit Abigail Tucker ein Zoom-Interview führt, kommt nicht umhin, das friedliche, aufgeräumte Interieur im Hintergrund zu bewundern. Wie macht die Frau das – sie hat schließlich selbst kleine Kinder? Aber nicht nur ihr New-England-Haus, auch Tuckers Kopf scheint total aufgeräumt zu sein. In der nächsten Stunde wird sie Studie um Studie zitieren, ohne auch nur einmal ins Stocken zu kommen. Man muss ihr sehr aufmerksam zuhören, um nichts Spannendes zu verpassen.

ELTERN Family: Frau Tucker, bei Ihnen zu Hause sieht es gerade nicht so aus, als würde das Mutterwerden und Muttersein Ihr ganzes Leben aufmischen. Und das Gehirn nachhaltig verändern. Doch genau das schreiben Sie in Ihrem Buch. Das müssen Sie genauer erklären.

Abigail Tucker: Die körperlichen Veränderungen fallen natürlich am meisten ins Auge. Schwangere und Neu-Mamas sehen anders aus als davor, und es passieren all diese verrückten Sachen: Leberflecken können dunkler werden, Moskitos fahren total auf dein Blut ab, Haare werden auf einmal lockig, nachdem sie das ganze Leben lang glatt waren – oder umgekehrt. Aber bei der Recherche für dieses Buch ist mir klar geworden, dass die gravierendsten und dauerhaftesten Veränderungen die sind, die wir nicht sehen können, weil sie in unseren Gehirnen ablaufen: Sie sind verantwortlich dafür, was dann äußerlich passiert.

Was geschieht denn in unseren Mutterköpfen?

Das kriegen wir gerade noch raus. Es gibt eine Reihe von Studien dazu, aber deren Durchführung ist ziemlich schwierig. Man muss zunächst Frauen finden, die planen, demnächst schwanger zu werden, und deren Gehirne via Nahinfrarot-Spektroskopie scannen. Und dann noch mal während der Schwangerschaft und mehrmals innerhalb der folgenden Jahre. Was man bislang weiß, ist, dass speziell in den Bereichen des Gehirns, die für soziale Beziehungen zuständig sind, viel umgebaut wird – etwa im präfrontalen Cortex und im Mandelkern. Letzterer gilt als der emotionale Verstärker in unserem Kopf. Außerdem verringert sich die gesamte graue Substanz um sieben Prozent – was sich zunächst sehr deprimierend anhört: Toll, man wird also zum komplett tumben Muttertier (lacht). Aber so einfach ist es nicht.

Zum Glück.

Die Wissenschaft versteht noch nicht ganz, was in den Schlüsselbereichen vor sich geht. Aber eine Vermutung ist, dass es sich bei der Reduktion der grauen Substanz um eine Verschlankung zur Effektivitätserhöhung handelt. Nach allem, was wir wissen, sind die Veränderungen dauerhaft. Man hat sogar einen Algorithmus entwickelt, der anhand eines Gehirn-Scans sicher sagen kann, ob die untersuchte Person Mama ist oder nicht.

Wenn von Gehirnumbau die Rede ist, dachte man bisher immer eher an Jugendliche in der Pubertät …

Genau. Das, was man bei Müttern in Sachen Gehirnplastizität und Wachstum sehen kann, kannte man bisher nur von Kindern und Jugendlichen, also in der wichtigsten Phase der Gehirn-Entwicklung. Wissenschaftler sehen diese mütterliche Transformation inzwischen als bedeutendste Entwicklung im Erwachsenenalter. Man kann also sagen, dass das Gehirn das wichtigste Organ beim Mutterwerden und -sein ist. Es steuert, wie sich eine Mama verhält und was ihr Körper macht. Und ohne diese Verhaltensveränderungen würde sie sich nicht angemessen um ihr Kind kümmern.

Wie müssen wir uns diesen Umbau in der Praxis vorstellen?

Die Gehirne von Müttern reagieren vor allem anders auf Schlüsselreize – wie etwa Bilder von lachenden Babys oder das Geräusch eines weinenden Kindes. Man sieht auf dem Scan andere Bereiche aktiv aufleuchten und beobachtet stärkere Reaktionen als bei kinderlosen Frauen. Sie sind enorm sensibilisiert für Kinder, und ganz besonders für ihre eigenen. Das erklärt auch, warum Mütter oft keine Filme sehen können, in denen kleine Menschen leiden. Es erscheint in diesem Zusammenhang unpassend, aber man kann mütterliches Verhalten am besten an Tieren erforschen und erklären.

Warum das?

Menschen sind ziemlich komplizierte Wesen, auch in ihren Emotionen. Bei anderen Säugetieren ist das nichts so. Sie kennen kein sozial erwünschtes Verhalten – sie geben zum Beispiel nichts vor, sie versuchen nicht, höflich zu sein. Man kann das etwa an Ratten, die noch nicht trächtig waren, sehen: Sie mögen keine Jungtiere. Sie sind also nicht wie wir, die zum Baby der Nachbarn "süüüß" sagen, obwohl wir es ziemlich mickrig finden.

Was tun die kinderlosen Ratten, wenn sie einen fremden Wurf sehen?

Sie laufen weg, weil sie das Quieken nicht aushalten, und würden ihn sogar fressen, wenn man sie ließe. Worauf sie dagegen richtig heiß sind, ist Futter. Wenn aber nun eine Ratte selber Junge bekommt, kann man eine Verhaltensänderung um 180 Grad beobachten: Sie findet Jungtiere 1000-mal interessanter als Fressen. Wenn sie die Möglichkeit hat, durch das Bedienen eines Hebels noch mehr Junge in den Käfig zu bekommen und über einen anderen Nahrung, dann drückt sie so oft auf den Kinder-Hebel, bis sie förmlich unter ihnen begraben ist – weil sie sie so niedlich findet. Die Forscher mussten das Experiment abbrechen, weil die Arme sonst verhungert wäre! Die Bereiche im Gehirn, in denen Belohnung und Motivation verortet sind, funken also auf einmal völlig anders.

Übertragen auf menschliche Mütter heißt das also, dass wir klaglos Wäsche um Wäsche waschen, Tränen trösten, Waden wickeln und auf viel Schlaf verzichten. Ist das dann der berühmte Mutterinstinkt?

Ich glaube, dass es den so nicht gibt. Diese fixen Verhaltensmuster, ein automatisches Mutter-Verhalten nach einer Art ungeschriebenem Skript – das zeigen Tiere viel ausgeprägter als wir.

Lässt die Natur uns im Stich?

Meine persönliche Theorie ist: Weil Menschen an so verschiedenen Orten und unter so unterschiedlichen Umständen leben, würde es keinen Sinn ergeben, wenn sich eine Mutter in der Subsahara so verhalten würde wie eine am Nordpol. Es geht bei uns Menschen also weniger um fixe Instinkte als vielmehr um das Bedürfnis, möglichst feinfühlig auf die Signale unserer Kinder einzugehen.

Wie ist es um das Papa-Gehirn bestellt?

Die Mütter-Forschung ist noch nicht besonders weit – aber die Vater-Forschung wird sträflich vernachlässigt. Was bisher klar ist: Auch bei ihnen kann man Hormon-, Gehirn- und Verhaltensänderungen nachweisen. Aber es scheint eher eine optionale als eine automatische Sache zu sein. Wenn zwei Leute bei einem One-Night-Stand ein Kind zeugen, dann ist die Mutter für die Dauer ihres Lebens verändert – egal, ob sie es aufzieht oder zur Adoption freigibt. Wenn der Vater danach nie wieder Kontakt zu Mutter und Kind hat, dann wird sich sein Gehirn nicht verändern.

Warum?

Es gibt Untersuchungen, die nahelegen, dass der Geruch der schwangeren Frau auch die Sensibilität des werdenden Papas für Schlüsselreize erhöht. Sicher ist, dass Männer zwingend darauf angewiesen sind, Außensignale von Mama und Kind zu bekommen. Ihre Sensibilisierung für die kindlichen Signale setzt also etwas später ein und kann sich gut und gern über Wochen, Monate, Jahre hinziehen. Väter können es also genauso gut wie Mütter. Die Voraussetzung ist aber, dass sie bei der Betreuung mitmachen – und es auch dürfen.

Sie spielen auf mütterliches "Gatekeeping" an.

Ganz genau. Die Väter, die das beste Gefühl für ihr Kind und seine Signale haben, sind übrigens oft die, die es zusammen mit einem zweiten Mann aufziehen – bei denen es also keine Mutter gibt, die alles besser weiß. Es gibt eine israelische Studie, die zeigt, dass die Gehirne von homosexuellen Vätern denen von Müttern ähnlicher sind als die von heterosexuellen Papas.

Was ist mit Adoptivmüttern?

Geburt und Stillen stellen eine Art Kickstart für die Mutterschaft dar. Aber sobald das Kind abgestillt ist, ist das Gehirn so weit umgebaut, dass es seine Mutter-Mission von alleine weitermachen kann, ohne ständige Hormone. Und Adoptivmütter sind oftmals diejenigen, die besonders gut auf die Signale ihres Kindes eingehen können. Darf ich noch mal eine Untersuchung mit Ratten zitieren?

Erzählen Sie.

Man hatte lange die Idee, dass man eine kinderlose Ratte mit Oxytocin mütterlich machen könne. Aber dann stellte man fest, dass es reicht, sie mit Muttertieren und ihren Jungen zusammenzubringen – natürlich so, dass sie die Kleinen in Ruhe lässt. Das Erstaunliche ist, dass sie nach etwa einer Woche anfängt, sich liebevoll um die Kleinen zu kümmern. Ohne Schwangerschaft und Stillhormone, einfach nur, weil sie der Situation ausgesetzt sind. Übertragen auf den Menschen heißt das: Eine Frau, die anfängt, sich um ein eigentlich fremdes Kind zu kümmern, lernt, es zu lieben. Vielleicht dauert es ein bisschen länger als bei einer leiblichen Mutter. Aber wir sind dazu gemacht, diese Liebe und Fürsorge zu entwickeln. Dieses Wissen kann für Adoptivmütter beruhigend sein. Menschen sind von Natur aus alloparental.

Was ist das denn?

Das bedeutet, dass wir verzückt sind von Babys und kleinen Kindern und uns auch sofort um ein fremdes kümmern. Ob das Kind aussieht wie wir, ist dabei völlig unerheblich. Gerade dieser Aspekt ist interessant, weil der Mensch unterschwellig ziemlich rassistisch ist. Aber nicht bei Kindern.

Gibt es außer dem Gehirnumbau noch mehr Spuren unserer Kinder im Körper, die uns bleiben?

Ja. Während der Schwangerschaft gehen fetale Stammzellen vom Ungeborenen in unseren Körper über. Diese Zellen unserer Kinder bleiben lebenslang in uns, auch wenn wir 80 sind und unsere Babys von damals mittelalte Leute. Sie sind aber nicht nur ein süßes Souvenir. Sie helfen beim Heilen von Wunden, schützen gegen bestimmte Arten von Krebs. Auch Alzheimer ist bei Müttern seltener.

Apropos 80: Sie schreiben, dass die positiven Veränderungen im Körper einer Frau sogar Generationen überwindet. 

Da geht es um die Langlebigkeit von Frauen auch nach Ende ihrer Reproduktionsfähigkeit. Der Plan der Natur ist vermutlich, dass eine Frau, die selbst keine Kinder mehr bekommen kann, deren Gehirn aber immer noch auf sie gepolt ist, der ultimative Babysitter ist. Deswegen ist vor allem die Großmutter mütterlicherseits enorm wichtig. Es ist also definitiv nicht so, dass dein Leben nach der anstrengenden Anfangszeit weitergeht wie vorher. Mutterschaft ist eine Kaskade von Veränderungen, die niemals enden: Du wirst fortwährend weiter zur Mutter gemacht – und später dann als Großmutter wiedergeboren.

Süüüüüüß

Das Gehirn von Eltern reagiert besonders stark auf das sogenannte "Kindchenschema": also große Augen, runde Stirn, kleine Nase. Laut Abigail Tucker profitieren vor allem Katzen und Hunde von unserer Vorliebe für dieses für uns unwiderstehlich niedliche Aussehen. Im Englischen gibt es übrigens kein Wort dafür, weshalb man auch dort die deutsche Bezeichnung benutzt.

Unsere Gesprächspartnerin

Abigail Tucker lebt mit ihrem Mann und vier Kindern in New Haven, Connecticut, und wurde als Wissenschaftsjournalistin mehrfach ausgezeichnet. Ihr Buch "Was es bedeutet, eine Mutter zu werden" (Ullstein, 17,99 Euro) ist eine spannende, anschaulich und lustig geführte Tour durch den mütterlichen Körper, das für viele Aha-Momente sorgt – bei Müttern genauso wie bei Vätern und Omas.

ELTERN

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