Abnabeln
 
Was geschieht nach dem Abnabeln?

Neun Monate lang war die Nabelschnur die Lebensader für das Ungeborene. Was aber machen wir mit der Nabelschnur nach der Geburt? Erst einmal dranlassen oder gleich abnabeln? Das Blut sammeln und einlagern oder spenden? Entscheidungen, die kurz vor der Geburt anstehen.

Abnabeln: Was geschieht nach dem Abnabeln?
michael hampel - Fotolia.com

Gleichzeitig mit dem Baby offenbart die Gebärmutter bei der Geburt noch ein anderes ihrer monatelang gehüteten Geheimnisse: die Nabelschnur. Ein dickes, gewundenes, elastisches Kabel, das dem Ungeborenen neun Monate lang als Lebensader diente. Während der Schwangerschaft hat die Nabelschnur für einen ständigen Blutaustausch zwischen Mutter und Kind gesorgt, wobei die Mutter über ihren Mutterkuchen (= Plazenta) Sauerstoff und Nahrung lieferte, während das Kind verbrauchtes Blut zurückschickte. Nach seinem ersten Atemzug muss das Neugeborene selbstständig atmen und essen. Dennoch versiegt der Strom im Inneren der Nabelschnur nicht sofort. Und solange er fließt – das sanfte Pochen ist deutlich sichtbar –, kann er dem Baby weiter Blut aus der Plazenta bringen.
Vor zehn, fünfzehn Jahren war es üblich, die Nabelschnur auf jeden Fall auspulsieren zu lassen. Befürworter der sanften Geburt waren überzeugt, dass die Extraportion Blut, die das Baby dabei über die Nabelschnur empfängt, ihm guttut. Die Gegner hingegen warnten vor den zusätzlichen Blutkörperchen, deren Abbau die Leber des Neugeborenen überfordern und eine Gelbsucht auslösen würde. Heute weiß man: Die Wahrheit liegt dazwischen. Das Plazentablut aus der Nabelschnur ist wichtig - aber so wichtig auch wieder nicht. Ein reifes, gesundes Neugeborenes braucht keine zusätzliche Portion. Genauso wenig aber bekommt es Probleme, wenn man ihm das Extrablut trotzdem liefert. Deshalb ist es im Grunde egal, wann beim neugeborenen Baby die Nabelschnur durchtrennt wird.

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Durchtrennen der Nabelschnur tut nicht weh

Für gewöhnlich wird die Nabelschnur unterbrochen, sobald das Neugeborene abgetrocknet, sein Gesicht abgewischt und seine Atmung kontrolliert ist. Anschließend klemmt man die Nabelschnur an zwei Stellen ab, und Vater, Geburtshelfer oder Hebamme schneidet sie durch. Das tut dem Baby nicht weh, da die Nabelschnur keine Nerven besitzt. Möchte die Mutter das Neugeborene gleich bei sich haben, verzögert sich das Abnabeln. Wichtig ist dann nur, dass das Baby nicht zu weit oben auf dem Bauch seiner Mutter liegt, damit kein Gefälle in der Nabelschnur entsteht und Blut vom Kind weg zur Plazenta fließt. Manchmal allerdings ist beim Abnabeln Eile geboten - wenn das Neugeborene ärztliche Hilfe braucht. Wenn es gestresst und schlapp wirkt, seine Atemwege gereinigt werden müssen oder trübes Trennung Fruchtwasser vorgeburtliche Probleme signalisiert. Und auch bei extremen Frühchen muss die Nabelschnur rasch durchtrennt werden, um sie sofort ärztlich betreuen zu können.

Auspulsen für sanfteren Frühstart

Umgekehrt lässt man gesunde, fitte Frühgeborene möglichst lange an der Nabelschnur: Ihnen tut die Extraportion Blut aus der Plazenta ausgesprochen gut - weshalb man sie sogar extra tiefer als den Mutterbauch legt, damit möglichst viel Blut zu ihnen hinüberfließt. So kann man ihnen oft Bluttransfusionen ersparen. Ist das Baby schließlich abgenabelt, hat die Nabelschnur immer noch nicht ausgedient: Nun wird der Teil der Nabelschnur, der noch mit der Mutter verbunden ist, punktiert. Arzt oder Hebamme entnehmen etwas Blut aus der Nabelschnur, um die Blutgruppe und den sogenannten pH-Wert zu bestimmen - eine Pflichtuntersuchung, die bei keiner Geburt unterbleiben darf. Ein niedriger Nabelschnurblut-pH-Wert (unter 7,0) zeigt, dass das Baby vor der Geburt vorübergehend zu wenig Sauerstoff bekam und nun besonderer ärztlicher Aufmerksamkeit bedarf - auch wenn es ganz fit wirkt. Erst danach und nur wenn die Eltern diesen Wunsch geäußert haben, wird das restliche Plazentablut aus der Nabelschnur gewonnen, um es einzufrieren.

Hintergrund dafür: Die Wissenschaft arbeitet daran, das Blut aus der Nabelschnur für therapeutische Zwecke zu nutzen. Denn das Besondere an dem Blut in Nabelschnur und Plazenta ist: Es enthält sogenannte Stammzellen – Körperzellen, die noch nicht auf bestimmte Funktionen, zum Beispiel in Herzmuskel, im Gehirn oder in der Niere, festgelegt sind, sondern sich flexibel einsetzen lassen. Die Ärzte erhoffen sich von diesen Stammzellen große Fortschritte, vor allem bei der Reparatur defekter Gewebe.

Stammzellen sind kostbar

Der Vorteil von Stammzellen aus Nabelschnurblut: Sie sind jünger und flexibler als die übrigen Stammzellen. Transplantiert, werden sie vom menschlichen Immunsystem seltener abgestoßen. Außerdem kann man sie problemlos gewinnen: Speziell dafür geschulte Ärzte oder Hebammen desinfizieren den Rest der mütterlichen Nabelschnur, stechen dann mit einer Kanüle hinein und leiten das Blut zusammen mit einem gerinnungshemmenden Mittel in einen keimfreien Plastikbeutel. Dieser wird sofort gekühlt und zur Stammzellbank transportiert. Wohin genau, hängt davon ab, was Eltern mit dem Nabelschnurblut ihres Babys vorhaben. Wollen sie das Blut aus der Nabelschnur aufheben für den Fall, dass ihr Kind schlimm erkrankt und die Stammzellforschung womöglich eines Tages so weit sein wird, ihm zu helfen? Dann müssen sie das Blut in eine private Stammzellbank bringen lassen und neben einer einmaligen Gebühr von 1000 bis 2000 Euro einen jährlichen Betrag von bis zu 50 Euro zahlen. Möchten sie das Nabelschnurblut stattdessen der Allgemeinheit zur Verfügung stellen, wird es kostenlos - sofern es eine bestimmte Mindestmenge erreicht - in einer öffentlichen Stammzellbank tiefgekühlt. Dann kommt es fremden Kindern oder Erwachsenen zugute, die auf eine passende, heilsame Stammzellspende warten, weil sie an Blutarmut, Stoffwechselkrankheiten oder Leukämie leiden. Diese Krankheiten sind derzeit die einzigen Leiden, bei denen Stammzellen erwiesenermaßen helfen können.

Es gilt das Prinzip Hoffnung

Inwischen gibt es außerdem die Möglichkeit einer Kombination aus privater Vorsorge und Spende. Damit ist Folgendes gemeint: Die Eltern lagern das Nabelschnurblut ihres Babys ein – mit der Option, es nach Rücksprache mit der Blutbank zu spenden, falls ihr Präparat irgendwann genau zu einem fremden Kranken passen sollte. In diesem Fall bekommen sie die Lagerungsgebühren zurück. Umgekehrt können Eltern gegen Entgelt das Nabelschnurblut ihres Kindes auch in manchen öffentlichen Banken einlagern. Und drittens gibt es die Einlagerung von ausschließlich als Spende gedachtem Nabelschnurblut in manchen privaten Blutbanken.
Wie lange sich das Tiefkühlblut letztlich hält, lässt sich nicht sagen, da bislang keine Probe länger als 30 Jahre eingefroren war. Auch ob die Wette auf die Zukunft aufgeht und das Kind eines Tages tatsächlich von seinem gefrosteten Plazentablut profitiert, ist ungewiss. Dass aber schon jetzt kranken Menschen mit Stammzellspenden geholfen werden kann, steht fest. Zum Wegwerfen ist das Blut aus der Nabelschnur deshalb allemal zu schade.

Öffentliche Nabelschnurblut-Banken

Dresden
www.uniklinikum-dresden.de
Tel. 03 51/4 58 29 65 oder: 03 51/4 58 29 65
E-Mail: gerhard.ehninger@uniklinikum-dresden.de
Düsseldorf
www.nabelschnurblutbank.de
Tel. 02 11/8 10 43 43
E-Mail: cbb@itz.uni-duesseldorf.de
Erlangen
www.transfusionsmedizin.uk-erlangen.de
Tel. 0 91 31/8 53 64 57
E-Mail: volker.weisbach@uk-erlangen.de
Freiburg
www.uniklinik-freiburg.de
Tel. 07 61/2 70 35 29 oder: 07 61/88 88 93 42
E-Mail: regina.herzog@nabelschnurblutbank.uniklinikfreiburg.de
Mannheim
https://www.umm.uni-heidelberg.de/transfusionsmedizin-und-immunologie/stammzellspende/nabelschnurblutspende/
Tel. 06 21/3 70 68 75
E-Mail: m.mueller-steinhardt@iti-ma.blutspende.de
München/Gauting
www.knochenmarkspende.de/html/info_bsb.php
Tel. 0 89/89 32 66 28
E-Mail: info@knochenmarkspende.de

Private Nabelschnurblut-Banken

www.cryo-save.com
www.eticur.de
www.stellacure.de
www.vita34.de
Was machen Sie mit dem Nabelschnurblut Ihres neugeborenen Babys?
Sicherheitshalber in einer privaten Stammzellbank aufheben - vielleicht benötigen wir es einmal.
12% (20 Stimmen)
Ich möchte es der Allgemeinheit zur Verfügung stellen und spende das Nabelschnurblut.
43% (69 Stimmen)
Ich werde es nicht lagern, sondern entsorgen.
27% (44 Stimmen)
Ich weiß nicht.
18% (29 Stimmen)
Gesamtstimmen: 162