Adoption
 
Sprüche, die Adoptiveltern nicht mehr hören können

Adoptiveltern sehen sich im Alltag häufig mit den immer gleichen Bemerkungen zu ihren Kindern und der Adoption konfrontiert. Oft sind sie taktlos und grenzüberschreitend, manchmal schlicht dumm. Eine zweifache Adoptivmutter findet, dass die Kommentare der Umwelt aber auch etwas Gutes haben. Plus: 20 Sprüche, die alle Adoptiveltern kennen.

Frau mit asiatischen Töchtern
iStock, digitalskillet
Inhalt: 
Was hinter den Indiskretionen stecktWie Adoptiveltern reagieren könnenWas die Sprüche bezwecken sollenWieso die Sprüche von schlichter Unwissenheit zeugenWarum Fakten wichtiger sind als verbale AbwehrmaßnahmenWarum die Indiskretionen auch eine Chance sindWarum das Thema Adoption ein emotionaler Türöffner sein kann

„Da habt ihr euch aber eine Süße ausgesucht!“ Anerkennend streichelt unsere Nachbarin meiner zweijährigen Adoptivtochter über das glatte schwarze Haar. „Ich finde das sehr mutig“, fährt sie fort. „Ich hätte mich das nicht getraut. Man weiß ja nie, was die so erlebt haben.“ Als ich immer noch nicht auf ihre Sprüche reagiere, fügt sie im konspirativen Flüsterton hinzu: “Und was hat es jetzt gekostet?“ Wow, keine schlechte Quote: Vier Sprüche-Klassiker in zwei Minuten. Die meisten Mitmenschen beschränken sich zunächst auf einen. Fragt man andere Eltern, die ein Kind aus dem Ausland adoptiert haben, ähneln sich die kleinen Indiskretionen fast im Wortlaut. Frischgebackene Adoptiveltern fühlen sich oft überrumpelt und müssen sich an diese Grenzüberschreitungen erst gewöhnen. Später schockt einen nur noch wenig: „Wenn du auch eine Schwester willst, können dir deine Eltern ja eine kaufen“, erklärte eine ältere Dame dem Adoptivsohn einer Freundin, als sein Kindergartenfreund gerade großer Bruder geworden war.

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Was hinter den Indiskretionen steckt

Das Erstaunliche ist, so berichten viele Adoptiveltern, dass vielen gar nicht bewusst ist, wie persönlich ihre Anmerkungen oder Fragen sind. Sie meinen es oft gar nicht böse, wenn sie einfach ihrer Neugier freien Lauf lassen und wissen wollen, wie denn der Vater dazu aussieht. Das ist plump und etwas unverschämt, aber immerhin kein offener Rassismus. Hinter den Fragen zur Herkunft stecken offenbar immer zwei Motivationen. Zum einen haben Nachbarn, Bekannte und gerne auch Fremde auf der Straße oder im Supermarkt ein sehr großes Bedürfnis, die Verhältnisse zu klären. Wer sind Mama und Papa, leiblich oder nicht, Adoption oder Pflege? Und zum anderen muss in Erfahrung gebracht werden, ob alles mit rechten Dingen zugegangen ist. „Konntet ihr ihn selbst aussuchen?“ und „Kennt ihr denn auch die richtige (!) Familie?“ sind daher zwei weitere typische Fragen, mit denen sich Adoptiveltern immer wieder konfrontiert sehen.

Wie Adoptiveltern reagieren können

Hat sich die Sprachlosigkeit in den ersten Monaten nach der Adoption gelegt, beginnen die Eltern ganz automatisch, sich ein Arsenal an Erwiderungen zurechtzulegen – ob sie bei der nächsten Unverschämtheit darauf zugreifen können, ist natürlich eine andere Frage. Eine Freundin erwidert auf die Frage „Woher kommt denn der Vater?“ gerne „Aus der Pfalz!“ und freut sich insgeheim über die irritierten Gesichter. Ich habe einer Crêpes-Verkäuferin auf dem Weihnachtsmarkt auf die Frage „Und der Vater ist Chinese?“ einmal geantwortet: „Keine Ahnung, ich kenne ihn nicht!“

Was die Sprüche bezwecken sollen

Neben dem Äußeren interessiert viele auch brennend die Motivation für die Annahme eines „fremden“ Kindes. „Hat’s bei Ihnen nicht geklappt?“ oder „Ja, meine Freundin/Kollegin kann auch keine Kinder bekommen“, sind gängige Varianten. Hier eine passende Antwort zu geben, erfordert angesichts solcher Taktlosigkeiten schon etwas Übung. Die Mehrheit lobt den „Mut“ der Adoptiveltern, ein Kind aufzunehmen, mit dem man nicht blutsverwandt ist. Mit den immer wiederkehrenden Sprüchen wie „Da habt ihr aber was Gutes getan“ und „Da kann sich der Kleine aber freuen, dass er jetzt so tolle Eltern hat!“, unterstellen die Mitmenschen Adoptiveltern ein Gutmenschentum, das diese für sich in der Mehrheit gar nicht in Anspruch nehmen. Wir und die meisten Paare, die ein Kind aus dem Ausland adoptiert haben, haben das nicht in erster Linie getan, um die Welt besser zu machen oder aus dem dringenden Wunsch, ein Kind zu retten. Wir taten es, um endlich eine Familie zu sein.

Wieso die Sprüche von schlichter Unwissenheit zeugen

Die meisten Sprüche sind nervig, sind aber für uns auch ein Zeichen, dass viele Menschen sich einfach nicht mit dem Thema auskennen. Wir, die wir jahrelang Adoptionsliteratur gewälzt, unzählige Formulare ausgefüllt, uns von Psychologen, Vermittlungsstellen und Jugendamtsmitarbeiterinnen haben befragen lassen, ob wir gute Eltern wären, sind Experten zum Thema Adoption, frühkindliche Traumata, Alkoholmissbrauch in der Schwangerschaft, und Bindungstheorien. Nachbarn, Bekannte und auch einige Familienmitglieder haben derweil beim Stichwort Auslandsadoption nur Angelina Jolie, Madonna und Gerhard Schröder im Kopf und glauben ernsthaft, man könne einfach so in ein Kinderheim spazieren und sich das Hübscheste und Jüngste aussuchen.

Warum Fakten wichtiger sind als verbale Abwehrmaßnahmen

Das kann ich, und können viele mit uns befreundete Adoptiveltern so nicht stehenlassen. Noch viel wichtiger, als einen frechen Spruch auf den Lippen zu haben, um die ganz Dreisten dumm dastehen zu lassen, ist daher etwas ganz Anderes: Aufklären! Jeder Spruch, jede noch so unglücklich formulierte Frage bietet die Chance, zu erklären, wie es wirklich war, wie eine Adoption heute mehrheitlich abläuft, zu zeigen, dass Adoptivkinder viele besondere Bedürfnisse haben, aber letztlich einfach so sein wollen wie andere Kinder auch. Wenn Adoptiveltern es schaffen, sich nicht sofort angegriffen zu fühlen, sondern die Sprüche auch als unbeholfenen Versuch werten, mit ihnen ins Gespräch zu kommen, verhelfen sie auch ihren Kindern zu mehr Normalität und Akzeptanz.

Warum die Indiskretionen auch eine Chance sind

Dann haben wir die Möglichkeit, die Vorverurteilungen zu entkräften und zu berichten, dass es fraglich ist, ob die Hilfe vor Ort ausreicht, um tausenden Jungen und Mädchen in Thailand oder Sri Lanka ein Leben auf der Straße oder als Kinderprostituierte zu ersparen. Dann kann man erklären, dass ein Kind, das bis zu seinem vierten Lebensjahr keine stabile Bindung erfahren durfte, nicht von heute auf morgen in einer Familie „funktionieren“ kann. Und dann kann man auch klarstellen, dass die große Mehrheit der Adoptionen legal über die Jugendämter und staatlich anerkannte Adoptionsvermittlungsstellen laufen, und dass es Ausgaben für Flüge, Hotels, die Unkosten der Vermittlungsstelle und des Kinderheims gibt, aber kein Preis für ein Kind. Das ist in allen 99 Staaten, die das Haager Adoptionsübereinkommen unterzeichnet haben, verboten.

Warum das Thema Adoption ein emotionaler Türöffner sein kann

Und häufig passiert in solchen Gesprächen auch etwas Unerwartetes. Die Leute erzählen ihre Geschichte. Man erfährt, dass jemand selbst adoptiert wurde und das erst sehr spät erfahren hat und sich gewünscht hätte, dass seine Eltern offen mit der Adoption umgegangen wären. Man hört, dass eine Nachbarin ihre Mutter früh verloren hat und den Verlust ein Leben lang nicht verarbeiten konnte. Man erfährt von Leuten, die in der DDR zwangsadoptiert wurden und sich als Erwachsene auf die Suche nach den leiblichen Eltern machten, denen der Staat ihr Kind genommen hatte. Und man trifft immer wieder auf Menschen, die sich sehnlichst ein Kind wünschen, aber die Hoffnung auf ein leibliches Kind nach vielen Kinderwunschbehandlungen aufgegeben haben.
Deren indiskrete Frage danach, ob unser Kind denn gesund sei oder ob es Mama und Papa zu uns sagt, ist dann keine bloße Neugier, sondern vielleicht ein erster Schritt, mehr über diese andere Art des Familiewerdens zu erfahren. Und dabei helfe ich wirklich gern, denn den hab‘ ich vor vielen Jahren selbst gemacht und dabei vielleicht ungewollt auch so manche Grenze überschritten.