Biete Hamburg, suche Amsterdam

Wohnungstausch, Bettentausch, Autotausch, Fahrradtausch - kann das gutgehen? GEO SAISON-Redakteurin Katja Senjor ließ sich mit Mann und Kind in fremden vier Wänden nieder, eine holländische Familie zog derweil bei ihr zu Hause in Hamburg ein.

Wir haben es ausprobiert

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Haben unzählige E-Mails in alle Welt verschickt: bieten Hamburg, suchen Australien, Südafrika, Amerika, Frankreich oder Holland ... . Wir haben auf der Homepage der Haustauschagentur HomeLink geblättertet wie in einem Traumhauskatalog. Über 13000 interessierte Haustauschpartner aus aller Welt, und bei allen dieselbe Verheißung: Komm zu uns, lebe umsonst in unserer Wohnung, wir wohnen so lange bei euch.

Für 120 Euro gehört uns die Welt. So viel kostet der Jahresbeitrag für die Agentur. Sie vermittelt riesige Stadtwohnungen voller Antiquitäten in Paris und Rom, Villen mit Pool und Butler von Tonga bis Honolulu, aber auch ganz normale Wohnungen wie unsere. Es soll HomeLink-Profis geben, die mehrmals im Jahr nach Kalifornien, Italien, sonstwohin reisen und für den Tausch insgesamt nicht mehr zahlen als für eine Nacht in einem durchschnittlich guten Stadthotel.

Aber so einfach ist das nicht, wie wir bald feststellen. Wir erhalten viele Absagen: "Die wilden Tiere könnten eurer Tochter gefährlich werden" (aus Afrika). Wir haben schon Tauschpartner bis 2007 (die tolle Villa in der Südsee). "Wir sind sehr scharf zu besuchen euer Haus ..." (ein Australier, der aber gleich zwei Monate bleiben wollte). Und dann kam die charmante Zusage von Leo, Mieke, Kim und Zoey aus Amsterdam: "Wir kommen gerne nach Hamburg, jederzeit." Eine der vielen Familien, die HomeLink in der Kartei hat, erfahren im Haustausch, unkompliziert, flexibel. Das passt.

Ich hole den Staubsauger und fange an aufzuräumen, selbst in den Ecken, in denen schon lange niemand mehr nachgeschaut hat. Nur Lynn, unsere fünfjährige Tochter, mault:

"Ich will aber nicht, dass jemand in meinem Bett schläft."
"Du schläfst ja auch in einem anderen Bett."
"Sind wir am Strand?"
"Nein."
"Dann will ich da nicht hin."

Viele E-Mails gehen dem Tausch voraus. Rasch wird der Ton vertrauter. Leo schreibt, seine Töchter kämen nun doch nicht mit, sie übernachten bei Freunden; man werde eben einsam, wenn die Kinder älter werden. Ich schreibe zurück: Sollen wir Verträge schließen? Leo antwortet: Brauchen wir nicht. Geht was zu Bruch, ersetzt man den Schaden. Wir sind einverstanden.

Wir sollten auch die Autos tauschen, schlägt Leo vor: Die Parklizenz in ihrer Amsterdamer Straße gelte nur für seinen Lieferwagen - der im übrigen, antworte ich, nicht in unsere Tiefgarage passen würde. Etwas mulmig ist uns schon, als wir unsere Tauschpartner unter der Autobahnbrücke treffen, genau in der Mitte zwischen Hamburg und Amsterdam. Ein kurzes Gespräch darüber, was alles nicht funktioniert zu Hause - die Tür zum Balkon hakelt, die Hifi-Anlage hat einen Wackler. Die Amsterdamer überreichen uns einen Lageplan, wo die Fahrräder im Keller stehen; die Zeichnung ähnelt den gemalten Fantasie-Schatzkarten unserer Tochter.

Zehn Minuten Gebrauchsanweisungen, Gepäckumladen. Dann winken wir unserem Auto hinterher, das wieder zurück nach Hause fährt, und schaukeln selbst in einem großen himmelblauen Lieferwagen mit Tempo 80 Richtung Amsterdam. Der Auto-Navigator meldet sich: "Na 300 meter rechts voorsorteren en afslaan."

Willkommen in Holland!

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Das ist das Besondere an dieser Reiseform: Während man sich sonst im Urlaub in die Anonymität eines Hotelzimmers zurückzieht, auf neutrales Terrain, ist man beim Haustausch mitten drin in einer fremden Intimität mitsamt ihren Gerüchen und persönlichen Reminiszenzen. Wir fahren ein Auto mit Amsterdamer Kennzeichen, das holländisch zu uns spricht, wohnen wie Amsterdamer an einer Gracht, gehen in das Lieblingslokal unserer Gastgeber essen.

Die Wohnung von Leo und Mieke liegt direkt an der Binnenkadijk, einem Kanal mit Zugbrücke, im renovierten Kontorhaus, vierter Stock mit Balkon. Die Wäsche hängt im Flur, die Nachbarskatze schnurrt vor der Tür, im Wohnzimmer stehen ein Flipperautomat und ein riesiges, bequemes Sofa.

Viele Fenster, die Wolken ziehen von einem zum anderen. Im Kühlschrank steht eine halbe Torte mit Zettel: "For you. Leftover from our koffietijd." Daneben 20 Flaschen Limonaden, ein paar Bier, eine angebrochene Tüte Milch. Unsere Tochter haben wir schon eine Weile nicht mehr gesehen. Sie hat das Kinderzimmer von Zoey entdeckt, testet das Hochbett, klimpert am elektronischen Klavier und fährt die Delfinsammlung zur Parade auf.

Schon seltsam: Wir sind zu Besuch hier, aber die Besuchten sind nicht da. Und wir tun Dinge, die wir zu Hause nie tun würden. Wie sonst unsere Amsterdamer Gastfamilie zelebrieren wir nach dem Abendessen die koffietijd, trinken Kaffee, essen dazu die leckere Käsesahnetorte mit dicker Zuckersemmelbröselkruste, die allerdings nichts ist für Mägen, die abends Herzhaftes gewohnt sind. So fühlen wir uns leicht blümerant, als wir später unter Engelsplakaten und einer großen Sammlung Familien-Polaroids in die orangefarbenen Bettdecken sinken.

Am nächsten Morgen wollen wir mit den Fahrrädern in die Stadt. Eine Stunde dauert die Suche mit der Schatzkarte. Wir finden den Kellerverschlag und zwei fahrende Fossile, echte Amsterdamer fietsen, ohne Gangschaltung, ohne Klingel, mit Rücktrittbremse, zerfledderten Sätteln und einer schwarzen Kiste am Lenker - dem Kindersitz, in dem kleine Amsterdamer üblicherweise ohne Helm und Anschnallgurte transportiert werden. Der Zustand der Räder zwingt zum gemütlichen Fahrstil, aufrecht, langsam. Jede Brücke, die sich über den Kanal buckelt, wird zur Herausforderung. Unsere Tochter ist begeistert.

Über die straßenbreiten Fahrradwege, die Herrenhäuser mit ihren typischen eingerollten weißen Dachfirsten, die Hausboote, die schattigen Grachten mit Spielplätzen unter großen Ulmen, deren Blüten wir zu großen Wolken aufwirbeln.

Wir fahren kreuz und quer durch die Stadt ...

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verfahren uns, finden den Osthafen, wo in den vergangenen zwei Jahren ein völlig neues Viertel für Familien entstand: neue Architektur, große Gemeinschaftswiesen, Spielplätze. Wir rasten, picknicken und können unsere Tochter nur deshalb vom Klettergerüst loseisen, weil wir ihr Piratenschiffsvisiten, fünfstöckige Zuckertorten und eine Reise in der Seifenblase versprechen.

Im Nemo-Wissenschaftsmuseum über dem Eingang des IJssel-Tunnels kann man auf vier Stockwerken ausprobieren, wie die Welt funktioniert, sich an Flaschenzügen emporziehen lassen, mit Computerpuppen sprechen, Staudämme bauen, Regen machen und in einem Kinderlabor unter Anleitung von Wissenschaftlern vermeintlich simplen Fragen nachforschen: Warum sind Tränen salzig? Warum ist das Meer blau?

Wir kommen über den ersten Stock nicht hinaus. Dort steht ein Bassin voller Lauge. Lynn taucht einen großen Ring hinein, stellt sich in dessen Mitte, hebt ihn hoch bis über den Kopf - und steht in einem schillernden Seifenschlauch. Sie staunt wie noch nie zuvor in ihrem Leben.

Später radeln wir zum Schifffahrtsmuseum, wegen des Ostindienfahrers "Amsterdam". Das ist der Nachbau eines Schiffs von 1749, komplett mit Kanonendecks, Porzellanladung und Hängematten, die laut "Auaua" jammern, wenn man eine Lichtschranke überschreitet: das Quartier des Schiffsarztes mit seinen imaginären Patienten. Danach koffietijd in der schönsten Konditorei der Welt, "De Taart van m’n Tante", fünfstöckige Riesenkunsttorten in der Fensterdeko und auf dem Tisch, der Raum bunt wie Zuckerwatte. Lynn bestellt Schokokuchen, verschwindet hinter einem kissengroßen Stück Torte und diktiert uns wenig später eine Postkarte an die Oma: "Die Katze vor der Tür hat miaut und ich habe sie gestreichelt. Wir waren in einem Museum und da hat einer gestöhnt (auf einer Kassette). Zum Geburtstag wünsche ich mir keinen Kuchen. Lynn."

Abendessen im "Koffiehuis van den Volksbond", dem Lieblingslokal unserer Gastgeber, nur wenige Schritte von ihrer Wohnung entfernt: eine große Halle mit offenen Holzbalken, Lichterketten, vielen freundlichen Menschen, die mit ihren Kindern Lasagne und Merguez-Würstchen essen und Brause trinken. Lange Tafeln, die meisten kennen sich, die Kellnerin begrüßt viele mit Namen. Wir bleiben lange. Wir fühlen uns wohl, haben das Gefühl, mitten unter Leos und Miekes Nachbarn zu sitzen.

Abreise. Wir räumen die Wohnung auf, sortieren Zoeys und Lynns Spielzeug auseinander, suchen einen Besen. Aber wo ist der? Wie weit darf man die Schränke in einer fremden Wohnung aufreißen auf der Suche nach einem Besen? Ich schreibe einen Zettel: Vielen Dank für den Kuchen, leider keinen Besen gefunden. Stunden später treffen wir unsere Gastgeber an der Autobahnausfahrt Dinklage. Leo sagt: "Ich habe eure Boxen repariert."
Wir sagen: "Wir haben eure Fahrradsättel wieder zusammengeflickt."
Mieke: "Das Pedal an einem Fahrrad ist abgebrochen."
Wir: "Der Teak-Stuhl auf dem Balkon ist kaputt."
Wir verabreden, die Schäden zu begleichen. Umarmen uns zum Abschied wie unter Freunden. Auch wenn wir uns kaum 20 Minuten gesehen haben. Wir waren zu Gast in Leos und Miekes Wohnung, und ein bisschen auch in ihrem Leben.

Und so geht der Haustausch

Agenturen vermitteln den Kontakt zwischen Wohnungssuchenden, den Rest organisieren diese selbst. Tipp: Planen Sie langfristig und legen Sie sich nicht auf ein Land fest. Wir haben über 100 E-Mails in die Welt geschickt, bevor die ersten Zusagen kamen. Deutschland ist für viele Tauschpartner nicht die erste Wahl.

Ein Viertel der Mitglieder von HomeLink sind Amerikaner und Kanadier, viele Lehrer und Professoren, die in Häusern mit Gärten wohnen - die Chancen, ein stattliches Objekt zu erwischen, stehen gut. Klappt ein Tausch, schließt man üblicherweise einen Vertrag ab. Autos werden befristet Vollkasko versichert.
Entstehen Schäden, zahlt in der Regel die Haftpflichtversicherung. Bleibt man auf Schäden sitzen, kann ein Garantiefond der Agentur bis zu 2500 € ausgleichen.
Pro Jahr wird diese Versicherung im Schnitt aber nur einmal in Anspruch genommen. Die größte Agentur ist
HOMELINK,
Flößerstr. 4,
96173 Oberhaid,
Tel. 09503-50 30 37, www.homelink.de;
Mitgliedschaft 120 €/Jahr.

Alternative:
INTERVAC,
Am Hährenwald 15,
75378 Bad Liebenzell/Monakam,
Tel. 07052-93 24 06,
www.haustausch.de;
Mitgliedschaft 130 €/Jahr

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