Wachstum Baby
 
Wachstumsschübe bei Babys: Gibt’s die wirklich?

Alle Babys durchlaufen eine bestimmte Zahl von Wachstumsschüben, und zwar zu festen Zeiten, zum Beispiel in der 5., 8., 12. und 26. Woche. So sagt es zumindest eine beliebte Theorie. Aber kann das wirklich stimmen?

Vater mit weinendem Baby
iStock, Halfpoint
Inhalt: 
Haben Babys Wachstumsschübe?Wachstumsschübe in festen Lebenswochen gibt es also nicht?Was ist an der Wachstumsschub-Theorie problematisch?Was kann an der Wachstumsschub-Theorie dennoch hilfreich sein?Überblick WachstumsschübeKommen Entwicklungsschübe häufiger nach Krankheiten vor?Was sind Anzeichen für einen Entwicklungsschub?Wie reagieren Eltern am besten auf einen neuen Schub?

Haben Babys Wachstumsschübe?

Ja, aber sie funktionieren nach neueren Erkenntnissen anders, als häufig angenommen. Ein Wachstumsschub ist eigentlich eher eine Entwicklungsphase, in der dein Baby neue geistige und körperliche Fähigkeiten erlangt. Grundlage ist eine immer bessere Vernetzung der Nervenzellen im Gehirn deines Kindes. Der Kinderarzt Prof. Dr. Michael Hermanussen ist sich sicher, dass das körperliche Wachstum nicht in den oft zitierten acht großen Wachstumsschüben verläuft. Der international renommierte Experte für das Wachstum von Babys und Kleinkindern geht auf Grundlage seiner Forschungsergebnisse heute von vielen kleinen und unregelmäßigen Wachstumsintervallen aus.
 
Zusammen mit der Uni Kiel, der Uni Potsdam und der Uni Leipzig hat der Kinderarzt unter anderem ein elektronisches Messgerät entwickelt, mit dem man sogar das tägliche Wachstum eines Babys (genauer gesagt, seines Unterschenkels) in Mikrometern (0,001 mm) messen kann. „Wir gingen zuerst davon aus, dass das Wachstum einem Sieben-Tage-Rhythmus unterliegt, aber da lagen wir falsch“, so Hermanussen. „Wir konnten messen, dass das Wachstum bei Babys in Mini-Schüben abläuft, aber es gibt keinen festen Abstand zwischen aufeinander folgenden Wachstumsschüben. Diese Wachstumsschübe liegen zwischen zwei und zehn Tagen auseinander."

Wachstumsschübe in festen Lebenswochen gibt es also nicht?

Nein. „Jedes Baby wächst anders“, so Hermanussen. „Es gibt nicht mehrere große Wachstumsschübe, sondern viele kleine.“ Wann dein Kind wie viel wächst, hängt von sehr vielen Faktoren ab. Es gibt kein genetisch festgelegtes Programm, nachdem in der 5., 8., und 12. Woche jeweils fünf Zentimeter Länge hinzukommen müssen. „Auch in Tausenden von Messungen konnten wir keine Regelmäßigkeit feststellen“, erläutert der Mediziner seine Forschungsergebnisse. „Weder bei den Wachstumsschüben, die ein einzelnes Kind durchmacht, noch, wenn man Babys vergleicht. Diese angeblichen Entwicklungssprünge entbehren aus wissenschaftlicher Sicht jeglicher Grundlage“, so der Kinderarzt. „Wir haben tägliche Messungen von Kopfumfängen in den ersten 40 Tagen gemacht und keine Hinweise für einen Sprung im Kopfwachstum gesehen, wie er bei dieser Theorie für die 3. bis 4. Woche beschrieben wird. Auch unsere Erfahrung bei der Beobachtung von Kurzzeitwachstum (mit täglichen Messungen) spricht dagegen, dass alle Babys zur gleichen Zeit besonders stark wachsen.“

Was ist an der Wachstumsschub-Theorie problematisch?

Die Theorie suggeriert, dass dein Baby bestimmte Entwicklungsschübe in genau definierten Wochen absolvieren muss. Passiert das nicht, also, dreht es sich zum Beispiel nicht in Woche 19 auf den Bauch oder fängt nicht in Woche 46 an zu laufen, beginnt ihr als Eltern vielleicht, euch Sorgen zu machen. Ihr vergleicht die Fähigkeiten eures Babys mit dem, was die anderen in der Krabbelgruppe schon können. Es entsteht ein regelrechter Leistungsdruck unter den Eltern, bei dem es schon im ersten Lebensjahr zugeht wie später in der Schule. Meins kann schon schreiben, meins konnte schon vor der Schule lesen usw. Wenn ihr euch klarmacht, dass ein Mensch nicht nach Programm wachsen kann, nimmt euch das den Druck, euer Kind ständig zu vergleichen. Es ist gut so, wie es ist! Denn, so Michael Hermanussen, „was diese Theorie im Übrigen nicht berücksichtigt, ist die zeitliche Bandbreite, innerhalb der sich neue Entwicklungsschritte beim Baby zeigen. Manche laufen zum Beispiel schon mit zehn, andere erst mit 14. Monaten – beides ist völlig normal. Wenn Eltern das wissen, können sie sich entspannen.“
Also lasst euch nicht von Apps verrückt machen, die vorgeben, sie könnten den nächsten Entwicklungsschub eures Babys exakt vorhersagen. Das Vergleichen mit einem nicht existierenden Standard stresst euch nur.

Was kann an der Wachstumsschub-Theorie dennoch hilfreich sein?

Die Entwicklungen, die in den häufig zitierten acht Wachstumsschüben beschrieben werden, machen die meisten Babys in dieser Reihenfolge durch. Natürlich gibt es Ausnahmen, in denen Schritte übersprungen werden. Einige Babys fangen zum Beispiel an zu laufen, ohne nennenswert gekrabbelt zu sein. Aber im Großen und Ganzen bieten die acht Wachstumsschübe euch einen groben Überblick darüber, in welcher Reihenfolge sich die körperlichen und geistigen Fähigkeiten eures Kindes entwickeln werden. Nur eben nicht unbedingt genau zu dem genannten Zeitpunkt und nicht als sprunghafter Schub, sondern als Phasen, die mal kürzer und mal länger ausfallen können und mal früher und mal später einsetzen.
Habt ihr ein Frühchen, funktionieren die zeitlichen Angaben zu den acht angeblichen Wachstumsschüben natürlich noch weniger. Der erste Schub wäre dann nicht fünf Wochen nach der Geburt fällig, sondern nach dem errechneten Geburtstermin.
Nutzt die folgende Tabelle also als Überblick über die ersten 14 Lebensmonate eures Babys und blendet die fixen Wochenangaben gedanklich einfach aus. Wenn ihr dennoch das Gefühl habt, dass nun so langsam ein Entwicklungsschritt dran sein sollte, der sich nicht einstellt, könnt ihr – nicht nur zu den U-Untersuchungen – euren Kinderarzt oder auch eure Hebamme um Rat fragen. Die können euer Kind besser einschätzen als jede App.

Überblick Wachstumsschübe

  In welcher Woche? Mögliche Entwicklung Mögliche Veränderung
Erster Wachstumsschub 5. Aufmerksamkeit nimmt seine Umwelt stärker wahr, kann Gegenstände erkennen, die sich bewegen
Zweiter Wachstumsschub 8. Alle Sinne reifen: Tasten, Schmecken und Riechen (etwas später: Hören, Sehen), Körpermotorik Hört Geräusche besser,
beobachtet Gesichter, hebt seinen Kopf, schneidet Grimassen, hält erste Spielzeuge, greift nach seinen Füßen
Dritter Wachstumsschub 12. Zielgerichtete
Bewegungen, stärkere soziale Interaktion,
Fingermotorik, Stimmtraining
Greift nach Dingen, bewegt gezielt Kopf und Augen, übt Strampeln, Halten, Bauchlage, Daumen- und Fingerlutschen; lächelt, quietscht, brabbelt und kreischt mit großem Vergnügen
Vierter Wachstumsschub 19. Orale Phase, Muskel- und
Körperwachstum, Zahnen
Was gegriffen wird, wird auch in den Mund gesteckt, stabile Bauchlage, erste Drehversuche, gesteigerte Aktivität, sucht körperliche Nähe, Beikost kann eingeführt werden
Fünfter Wachstumsschub 26. Gefühle (Freude, Wut, Angst), Bewegung, Ursache und Wirkung, Stimmtraining Freut sich, lächelt bewusst oder reagiert wütend, es fremdelt, lässt Dinge fallen, und von dir aufheben, schafft die erste Drehung in Bauchlage, kann winken und klatschen, probiert zahlreiche neue Laute aus
Sechster Wachstumsschub 37. Krabbeln, Sprache,
Feinmotorik
Macht nun die Wohnung unsicher und erforscht jeden Winkel, spricht erste Wörter, übt den Scherengriff und das Essen mit einem Löffel
Siebter Wachstumsschub 46. Sitzen, Feinmotorik, Bewegung, soziale Interaktion Kann im Sitzen spielen, übt den Pinzettengriff, zieht sich an Möbeln hoch und klettert drauf (Achtung Unfallgefahr!), läuft an der Hand erste Schritte, möchte alles machen, was du machst
Achter Wachstumsschub 55. Laufen, Trotzphase, Selbständigkeit Läuft sicherer, wirft gerne Dinge, kann alleine essen, will eigenen Willen durchsetzen

Kommen Entwicklungsschübe häufiger nach Krankheiten vor?

Ihr kennt das bestimmt. Nach einer durchgestandenen Krankheit hat man oft den Eindruck, das Kind habe auf einmal neue Fähigkeiten und sei größer geworden. In Bezug auf die körperliche Entwicklung konnte Michael Hermanussen diesen Effekt durch seine Messungen bestätigen: „Wenn Kinder krank sind, dann verlangsamt sich das Wachstum. Viele Kinder wachsen für ein bis zwei Wochen gar nicht mehr. Geht es ihnen wieder gut, verläuft das Wachstum eine Weile schneller und gleicht damit die Verzögerung aus."

Was sind Anzeichen für einen Entwicklungsschub?

Wann euer Baby gerade einen Entwicklungsschritt macht, werdet ihr auch ohne festes Schema erkennen. Denn die Entwicklung der körperlichen und geistigen Fähigkeiten verlaufen im ersten Lebensjahr so rasant, dass sie den kleinen Menschen häufiger aus dem Gleichgewicht bringen können. Jede Veränderung schafft auch Unsicherheit. Denn wie anders sieht die Welt etwa aus, wenn ein Baby es zum ersten Mal geschafft hat, sich ohne Hilfe vom Rücken auf den Bauch zu drehen – oder umgekehrt. Eine tolle Sache, aber vielleicht auch ein bisschen beängstigend. Kein Wunder also, wenn dein Baby dann plötzlich wieder mehr Mamas und Papas Nähe sucht, quengelt, weint, sehr großen Hunger hat, den ganzen Tag auf den Arm will oder in der Nacht nicht schlafen kann. Hat es sich selbst an seine neue Fähigkeit gewöhnt, und die neuen Eindrücke verarbeitet, fühlt sich dein Kind wieder sicher und die schlechte Laune ist verflogen.

Wie reagieren Eltern am besten auf einen neuen Schub?

Wachsen ist anstrengend. Das Erlernen einer neuen Fähigkeit und die neuronale Vernetzung braucht Kraft. Über die Hälfte seiner Energie steckt der Körper eures Babys in den Ausbau der Gehirnstruktur. Auch mit neuen Emotionen wie Wut oder (Trennungs)-Angst umzugehen, ist Arbeit. Dein Kind braucht nun besonders viel Verständnis, Liebe und körperliche Zuneigung. Zeig ihm, dass du immer bei ihm bist, es geduldig begleitest und dich riesig mit ihm freust, wenn es etwas Neues lernt.